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Prof. Dr. Werner Knopp
Regierender Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen
Ministerpräsident Manfred Stolpe
Rede von Ministerpräsident Manfred Stolpe
anlässlich der Eröffnung des Preußenjahres am 18. Januar
2001 im Konzerthaus Am Gendarmenmarkt.
Preußen ist untergegangen. Aber verschwunden ist es nicht. Verschwinden wäre vergessen. Preußen aber ist uns in Erinnerung, und aus dem Gedächtnis unserer Zeit heraus bleibt es lebendig, doch unscharf und widersprüchlich.
Wer es genauer wissen will und sich auf die Suche nach Preußen begibt, übernimmt kein leichtes Geschäft. Preußen zwingt uns zu Umwegen, zu Genauigkeit, zu Differenzierungen und zur Diskussion von Streitfragen.
Auch heute ist Preußen ein emotionaler Begriff. Das Wort allein ruft Bilder ins Gedächtnis, die sich widersprechen, wie der blutige Spießrutenlauf dem glänzenden Musenhof, der Flöte spielende König den Durchhalteschlachten eines Siebenjährigen Raubkrieges. Preußen weckt Kultur- und Kunstinteresse ebenso wie es Kritik provoziert an Militär und Unterwürfigkeit. Beides hat sein Recht.
Doch sind dies nur schlaglichtartige Bilder. Preußen ist mehr als das. Wir brauchen mehr Licht und mehr Nüchternheit, um die Vielfalt der Menschen, vor allem auch die Fortschrittlichkeit ihres Staates sachlich ins Auge fassen zu können. Preußen, mit Berlin und Brandenburg in seiner Mitte, war ein Zuhause für Handwerker, Gewerbetreibende und Gelehrte, für Kosmopoliten aller Art. Hier wurde alles heimisch, was Europa ausmachte. Manches in Technik und Wissenschaft wurde hier erfunden, viele Reformen in Wirtschaft, Verwaltung und Bildung ausprobiert. Preußen ist eine europäische Geschichte, wie ganz richtig die zentrale Berliner Ausstellung im Schloss Charlottenburg überschrieben ist.
Vor 300 Jahren war Preußen das Start-up-Unternehmen des Kontinents. Aus Armut war es erfinderisch. Aus dem Willen zur Erschließung und Entwicklung des Landes förderte es die Zuwanderung und aus der Einsicht, dass Menschen so verschiedener Herkunft und Religion friedlich zusammenleben müssen, die nötige Toleranz. Dieser Gedanke hat Preußen überdauert. Er hat seither an Aktualität sogar dramatisch zugenommen. Offenheit und Toleranz gegenüber Fremden waren die Botschaft, die Preußen an die Zukunft richtete.
Die Rede des polnischen Außenministers, die für den heutigen Festakt vorgesehen war, müssen wir entbehren. Ich bedaure dies, denn der Blick Polens auf Preußen ist unentbehrlich. Kein zweites Land hat derart unter preußisch-deutschem Großmachtstreben gelitten. Als Bismarck 1871 alle preußischen Lande in den deutschen Nationalstaat einbrachte, waren die zweieinhalb Millionen preußischen Polen voller berechtigter Sorge, und je mehr dann das preußische Ethos vom deutschen Nationalismus zerstört wurde, desto finsterer wurde ihr Schicksal.
Gerade deshalb gilt es, sich auf eine gemeinsame kulturelle Erfahrung in der Mitte Europas zu besinnen, die Polen, Deutsche und auch Russen verbindet. Politische Verständigung,wirtschaftlicher Austausch, gegenseitige kulturelle Bereicherung, Frieden und Wohlstand sind heute unsere gemeinsamen Werte, für die es in der preußischen Geschichte viele Anhaltspunkte gibt.
Ich möchte an dieser Stelle meine Freude zum Ausdruck bringen, dass Kontakte nach Polen und zum russischen Gebiet Kaliningrad das Preußenjahr international bereichern. Ich danke unseren Partnern für ihre Kooperationsbereitschaft. Während des gesamten Preußenjahres wird eine Spendenaktion laufen, die der Restaurierung des Königstores in Kaliningrad zugute kommt. Ich verstehe dies als einen Brückenschlag, um die Wunden von Krieg und Zerstörung zu heilen.
Der 300. Jahrestag der Königskrönung Friedrich I. ist für die Länder Berlin und Brandenburg Verpflichtung, das Verständnis gerade für jene Facetten der Kultur, der Wirtschaft und des sozialen Lebens zu vertiefen, die unsere heutige Gesellschaft historisch erfahrbar werden lassen. Wie wir geworden sind, gibt uns Antwort auf die Frage, wo wir heute stehen, welchen Fortschritt wir erreicht haben und was als zukunftsweisendes Erbe zu bewahren ist. Dazu gehören Tugenden wie Zivilcourage, Rechtsbewusstsein, Loyalität gegenüber dem Mitbürger und Engagement für das Gemeinwesen. Im Rahmen des Preußenjahres wird Brandenburg die Chance nutzen, mit den Mitteln historischer Aufklärung demokratisches Selbstbewusstsein zu fördern.
Zum anderen wollen wir natürlich für uns werben. Unser Anliegen ist es dabei, möglichst viele Besucher für möglichst viele historisch bedeutende Orte zu interessieren. Im Gegensatz zur West-Berliner Preußenschau vor zwanzig Jahren, die in dieser Hinsicht eine Trockenübung bleiben musste, sind nach der Wiedervereinigung die Originalschauplätze brandenburgisch-preußischer Geschichte ungehindert zugänglich. Und dies vielfach in anspruchsvoll restaurierter Gestalt. Neben den Potsdamer Schlössern und Gärten ist ein Besuch von Schloss Königs Wusterhausen geradezu Pflicht. In Frankfurt Oder sehen Sie die Universitätsgeschichte, auf Schloss Reckahn in Potsdam-Mittelmark präsentieren wir den Aufklärer und Philanthropen Eberhard von Rochow, im Klosterstift zum Heiligengrabe die preußische Frauengeschichte, das Militär in Prenzlau und die Industrie im Hüttenmuseum Peitz. Jede Exkursion wird mit unerwarteten Einsichten belohnt.
Der ehemals königliche Kutschstall am schönsten Platz Potsdams, dem Neuen Markt, bildet den räumlichen und inhaltlichen Mittelpunkt dieses Programms. Als künftiges Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte wird es der zentrale Ort sein, der auf die Museen, Sammlungen und Archive der Region verweist. Eine Art Schaufenster ins Land. Und ein Forum der Diskussion.
Mit spannenden Fragen gehen wir in das Preußenjahr. Die offene Debatte sollte also im Mittelpunkt stehen. Wenn wir heute den Auftakt zu einem der vielfältigsten Kulturjahre der Länder Berlin und Brandenburg geben, wollen wir damit den Dialog über Preußen als eines der faszinierendsten Themen deutscher Geschichte neu eröffnen. Ein Wort Richard von Weizsäckers wird uns dabei leiten:
„Die Vollendung Europas hat ihre Wurzeln in der wechselvollen Geschichte der europäischen Staatenwelt, zu der auch das Königreich Preußen seinen Teil beigetragen hat. Die Kenntnis dieser Geschichte mit ihren schweren und guten Zeiten gehört zu den Fundamenten der europäischen Zukunft.“
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